Mein auf dieser Seite veröffentlichter Blog soll die Berichte in der BNN ergänzen. Es wäre also super, wenn ihr auch die lesen würdet…

Nun ist der Tag gekommen, der Tag, an dem wir den afrikanischen Kontinent verlassen werden und uns wieder in europäischen Gefilden bewegen werden. Offiziell fliegen wir am Dienstag, den 2. Juli um 1.50 Uhr. Wir sind sehr aufgeregt: Hoffentlich wird mit Paule alles gut gehen. In Südafrika haben wir nach tagelangem Suchen einen Reiserucksack gefunden, in dem Paule sich nicht nur umdrehen, sondern auch noch gemütlich liegen kann und der von der Größe auch noch unter den Flugzeugsitz des Vordermanns passt. Aber wirklich offiziell aussehen tut dieser Rucksack nicht: Ob er wohl von den Lufthansaleuten akzeptiert werden wird?

Um kurz vor elf stehen wir abends vor dem Miniflughafen in Khartum und verstehen erstmal nur Bahnhof: Alle Durchsagen sind ausschließlich auf Arabisch – Englisch wird an diesem internationalen Flughafen wohl nicht gesprochen. Das einzige, was wir verstehen: Wir dürfen nicht ins Flughafengebäude. Wie kann das sein? Wir sind genervt, warten aber dann mehr oder weniger geduldig mit vielen anderen auf den Einlass. Paule ist schon in seinem Rucksack, wir wollen mit ihm kein Aufsehen erregen. Da die Temperaturen hier vor dem Flughafen auch um diese Uhrzeit noch über 30 Grad liegen, wird Paule schon bald unruhig und dreht sich in seiner Tasche. Ich setze mich in eine ruhige Ecke und bin leider schon bald umringt von Leuten, die alle einen Blick auf den Hund in der Tasche werfen wollen. Als Paule sich endlich ruhig hingelegt hat, fangen viele Kinder- und Erwachsenenhände an, gegen den Rucksack zu klopfen. Ich bin wütend und versuche, die Leute abzuwehren, aber ich bin umringt von Menschen. Hilflos schaue ich zu Loyal, der aber damit beschäftigt ist, auf unser Gepäck aufzupassen und die arabischen Durchsagen zu interpretieren.

Gegen Mitternacht werden wir endlich ins Flughafengebäude gelassen. Mehrere Träger reißen uns die Taschen aus den Händen, wobei sie zwei der Taschen gleich halb zerreißen. Wir schimpfen, aber die Träger verstehen unsere Aufregung nicht: Wir können sie ja einschweißen lassen, kostet nur drei Euro pro Gepäckstück. Loyal zählt unser restliches Geld, aber es reicht nicht. Wir sind verzweifelt. Ein anderer Passagier bekommt unsere Lage mit und gibt uns das fehlende Geld: „Das kann ich außerhalb vom Sudan sowieso nicht mehr gebrauchen!“ Wir bedanken uns und die Träger schleifen unsere Taschen zum Einschweißgerät. Auch jetzt, wo sie schon halb kaputt sind, passen die Träger nicht besser auf die Taschen auf. Ich merke, wie deutscher Ärger in mir hochkommt.

Endlich stehen wir mit vier Taschen à 20 kg und Paule im Rucksack wieder an den Check-in-Schaltern und versuchen die Träger abzuwimmeln, die jetzt Geld von uns wollen. „Ihr wisst doch, dass ich kein Geld mehr habe, das habt ihr doch eben selbst mitbekommen!“, ist Loyal genervt und empört. Trotzdem bleiben die Männer mit erhobener Hand neben uns stehen. Wir versuchen sie so gut es geht zu ignorieren. An den Schaltern ist die Hölle los, die Frauen scheinen völlig überfordert, die Afrikaner drängeln von hinten. „Dieser schreckliche Flughafen!“, stöhnt eine Frau, die für die UN arbeitet, hinter mir. Wir checken ein, zeigen den Rucksack mit Paule. „Bitte stellt den Hund mit dem Rucksack auf das Gepäckband zum Wiegen“, meint die Lufthansa-Dame zu mir. Ich tue, wie mir geheißen. Die Waage zeigt drei Kilo an. „Drei Kilo, kein Problem“, meint die Frau und trägt alles ein. Ich muss ein Grinsen unterdrücken. Paule soll unter drei Kilo wiegen? Alleine wenn man den Hund anschaut, wird einem klar, dass das völlig utopisch ist. Hier im Sudan ist aber alles möglich! „Dann bekomme ich jetzt 110 Dollar von Ihnen!“, meint die gleiche Dame wieder zu uns. „Ich dachte, der Hundetransport kostet nur 100 Dollar“, wende ich überrascht ein. „Bei Lufthansa schon, aber der Flughafen erhebt eine Steuer von 10%“, werden wir informiert. Loyal läuft es kalt den Rücken herunter! „Was machen wir jetzt?“, raunt er mir leise zu. Wir haben nur noch 100 Dollar – unser allerletztes Geld, das wir extra für den Flughafen aufbewahrt haben. „Ich habe noch unseren 10-Dollar-Notgroschen!“, antworte ich ihm mit einem Lächeln und ziehe zu Loyals Überraschung tatsächlich genau 110 Dollar aus meiner Gürteltasche. Das ist nun tatsächlich unser allerletztes Geld. Eigentlich hatte ich die 10 Dollar zurückbehalten, damit wir uns im Flughafen etwas Wasser kaufen könnten. Nun müssen wir dursten.

„Der Flug hat mehrere Stunden Verspätung!“, werden wir als nächstes informiert. „Schau mal, die hat uns tatsächlich Sitzplätze gegeben, die 20 Reihen auseinander liegen“, meint Loyal zu mir und zeigt mir unsere Flugkarten. „An diesem Flughafen herrscht immer Chaos“, stöhnt die UN-Frau neben uns genervt. Wir versuchen, die Nerven zu behalten und uns nicht stressen zu lassen. Mutig gehen wir zum Zoll, um Paules Ausreise abzuwickeln. Wir betreten den kleinen Zollraum. Auf einem Tisch liegen viele Goldbarren, die gerade einzeln nacheinander auf einer kleinen Waage gewogen werden. Mehrere Männerköpfe drehen sich uns mit einem fragenden Blick zu. „Lass uns gehen“, raune ich Loyal zu, „Ich glaube, die haben gerade Wichtigeres zu tun!“ Wir gehen weiter, bekommen unsere Ausreisestempel und dürfen in den Warteraum. Als wir Paule vorsichtig aus seinem Rucksack lassen, schauen viele geschockte Moslems zu uns. Auch wenn wir ihren Glauben respektieren, können wir es Paule nicht antun, in den nächsten Stunden im Rucksack zu verharren. Das muss er während des Flugs sowieso schon lange genug. Ich versuche etwas zu schlafen. Gegen drei Uhr morgens bekommen wir Kaffee und zwei völlig ausgetrocknete Muffins. Der Kiosk ist bestimmt froh, dass er die nun auf diese Weise an Lufthansa loswerden kann. Als Paule uns essen sieht, beginnt er zu jaulen. Der Arme, er hat vor langer Zeit das letzte Mal etwas bekommen. Außerdem möchte er nach draußen, um einen Pinkelplatz zu suchen. „Du darfst auf keinen Fall den Flughafen verlassen und hier darf der Hund auch nirgends herumlaufen!“, erfährt Loyal von einem Angestellten. Also warten wir weiter.

Um halb fünf geht es endlich weiter. Ich bin halb am Schlafen. Die Personen- und Gepäckkontrolle ist nach Geschlechtern getrennt. Ich stelle mich bei den Frauen an. Die Frauen werden einzeln in eine vielleicht 1,5×1,5m große Box geführt, die Tür geschlossen und danach wahrscheinlich von einer Frau untersucht. Aber so weit komme ich gar nicht. Ein Mann von der anderen Seite winkt mich zu sich. Ich wundere mich, dass ich zu den Männern rüber soll, gehorche aber. „Der Hund hier“, sagt er und zeigt auf den Rucksack, „darf nicht mitfliegen, weil er ein Sicherheitsrisiko darstellt!“, meint er in Befehlston. „Wieso das denn?“, hake ich entspannt nach, „Lufthansa hat ihn erlaubt und der Rucksack ist sicher.“ „Nein. Der Hund darf nicht an Bord!“ Zwei Lufthansa-Frauen (Bodenpersonal in Khartum) kommen hinzu und reden auf Arabisch auf den Mann ein. Aber ohne Erfolg. Der Mann ist übrigens kein besonders wichtiger: Er sitzt vor dem Bildschirm und überprüft, ob sich Flüssigkeiten, Scheren oder andere gefährliche Gegenstände im Handgepäck der Passagiere befinden. Er hat seinen Posten in der Zwischenzeit verlassen und steht nun neben mir, um zu verhindern, dass ich ihm entwische. Zum Glück wagt er nicht mich anzufassen, das ist im Sudan ein absolutes Tabu. In der Zwischenzeit sind alle anderen Lufthansa-Passagiere abgefertigt und durch die Glastür zum Bus verschwunden. Alle bis auf einer, der zwar ein gültiges Visum hat, aber keinen Registrierungsstempel und dem deswegen die Ausreise verweigert wird, obwohl er schon einen Ausreisestempel bekommen hat.

Loyal und ich haben Angst, dass das Flugzeug ohne uns fliegt, da der Flug ja sowieso schon drei Stunden Verspätung hat. „Ich glaube, ich werde den Druck erhöhen und heulen, ok?“, flüstere ich Loyal zu. „Ja, los!“, fordert mich Loyal auf und schon lege ich eine tolle Heulszene hin. Es fällt mir nicht nur leicht, weil ich das vom Theaterspielen her schon oft geübt habe, sondern außerdem auch noch todmüde bin und meine Nerven zum Zerreißen angespannt sind. Alle Umstehenden haben sofort Mitleid und reden böse auf den Sicherheitsmann ein. „Keine Angst, euer Hund darf mitfliegen. Wir haben den Lufthansamanager angerufen, er ist sicherlich gleich hier!“ Wir erregen viel Aufmerksamkeit, was dem Sicherheitsmenschen langsam sichtbar unangenehm wird. „Du bist kein respektvoller Mensch!“, sagt Loyal dem Mann direkt ins Gesicht, „Nun hast du meine Frau auch noch zum Weinen gebracht. Das ist sehr schlecht!“ Hier im Sudan ist es eine der größten Beleidigungen, einem Menschen Respektlosigkeit vorzuwerfen. Irgendwann erscheint der Manager, den wir vor zwei Tagen schon kennengelernt haben, als wir am Flughafen waren, um zu fragen, ob der Rucksack für Paule in Ordnung ist. Er schaut uns aufmunternd an. Danach spricht er beruhigend auf Arabisch auf den Sicherheitsmann ein. Beim Anblick des Managers beruhigen wir uns augenblicklich: Wir vertrauen dem Mann. „Habt ihr irgendwelche Papiere, die ihr dem Mann geben könnt?“, fragt uns der Manager auf Englisch. Wir verstehen sofort. Wir müssen einen Weg finden, dass der Sicherheitsmann sein Gesicht nicht verliert, wenn er uns ziehen lässt. Wahllos greift der Sicherheitsmann Kopien aus unserem Stapel an Sicherheitskopien. Es wird schnell klar, dass er gar nicht lesen kann. „Das hier ist eine Kopie unseres Fahrzeugscheins, das hat mit dem Hund gar nichts zu tun!“, erklärt ihm Loyal. Endlich dürfen wir gehen. Der Bus vor der Tür hat die ganze Zeit nur auf uns gewartet. Nachdem unsere Reise durch Ostafrika im Vergleich zu Westafrika so viel angenehmer war, was den Umgang mit merkwürdigen Beamten angeht, haben wir hier noch einmal die Breitseite afrikanischer Mentalität erlebt: Wieder einmal ein Mann, der einen kleinen Posten hat, sich aber unnötigerweise aufspielt und damit sogar relativ weit kommt. Wie gut, dass es hier einen Lufthansa-Manager gibt, der die Angelegenheit regelt. In Westafrika hätten wir entweder viel zahlen müssen oder hätten in Khartum bleiben müssen.

An Bord werden wir von mehreren Passagieren auf den Vorfall angesprochen. Viele haben das Drama mitbekommen. Die Crew hat übrigens alle Hände voll zu tun, weil nicht nur wir Plätze weit auseinander bekommen haben, sondern auch Mütter mit mehreren Kleinkindern Plätze überall im Flugzeug verteilt bekommen haben. Wir können darüber nur den Kopf schütteln. Die Flugbegleiter sind unglaublich professionell und wirken kaum gestresst. Es fühlt sich so gut an, wieder von Deutschen umgeben zu sein. Wir bedanken uns herzlich dafür, dass wir schon bald nebeneinander sitzen und ernten ein Lächeln. Uns wird nun beiden klar, WIE sehr wir uns auf Deutschland freuen! Afrika – Good bye!

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One Response to Schock am Flughafen

  1. Stefan sagt:

    Heute bin ich zum Glück wieder über euren Blog gestolpert – und konnte eure Reise bis zum Schluss mitreisen! Vielen Dank für die tolle Unterhaltung!

    Das war ja richtig ein dramatisches Ende. Aber hauptsache es hat geklappt – und dass mit eurem süssen Findling 🙂

    Stefan

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