Mein auf dieser Seite veröffentlichter Blog soll die Berichte in der BNN ergänzen. Es wäre also super, wenn ihr auch die lesen würdet…

„Wer den armen bettelnden Menschen in Äthiopien nichts gibt und ihnen keine Mitfahrgelegenheit anbietet, ist ein Menschenfeind.“ So in etwa steht es in unserem Äthiopienreiseführer geschrieben. Als ich Loyal das vorlese, lacht er zynisch. Und bald wird uns beiden klar: Wir sind Menschenfeinde.
Wir finden es unglaublich, dass die Autoren eines Reiseführers dazu aufrufen bzw. einen moralisch extrem unter Druck setzen, Geschenke zu verteilen. In Äthiopien bettelt jeder: Kinder genauso wie Erwachsene. Unterernährte Menschen sehen wir auf unserer Reise nicht – das heißt nicht, dass es sie nicht gibt, aber da, wo wir entlangkommen, sind nunmal keine. Viele Menschen, die uns anbetteln, sind sogar ziemlich gut gekleidet. Die Leute wollen nicht immer Geschenke oder Geld. Manche sind auch auf eine Mitfahrgelegenheit aus. Wir nehmen grundsächlich niemanden mit. Das liegt zum einen daran, dass wir nur zwei (offizielle) Sitzplätze haben und bei einer Polizeikontrolle sicherlich eine Strafe bezahlen müssten, wenn sich mehr Menschen im Auto befänden. Zum anderen haben wir aber auch Sicherheitsbedenken, weil viele Einheimische (nicht nur hier in Äthiopien) Waffen tragen und wir nicht wissen, was sie mit uns tun werden, wenn wir uns in einem unbesiedelten Gebiet (zugegeben, das gibt es in Äthiopien nicht, aber in anderen Ländern!) befinden.
Von einem alleine reisenden Engländer haben wir gehört, dass er häufig von Polizisten um eine Mitfahrgelegenheit erpresst wird: Da er alleine unterwegs ist, kann er sich mit dem Argument „Kein Platz“ nicht herausreden. Die Polizisten lassen ihn an der Straßensperre so lange nicht weiterfahren, bis er bereit ist, jemanden mitzunehmen. Meistens gibt es dort, wo der Mitfahrgast dann aussteigt, einen anderen Polizisten, der auch mitgenommen werden will und das Erpressspielchen beginnt erneut. Als er uns davon erzählt, ist er sehr genervt. Auch er ist sich bewusst, dass sich das Risiko, überfallen zu werden, erhöht, weil man nie weiß, mit wem man es zu tun hat und mit wem der Mitfahrer unterwegs telefoniert.
Von einem anderen Problem erfahren wir in Malawi, als wir uns mit den Besitzern einer Lodge direkt am Malawisee unterhalten. „Wir nehmen grundsätzlich keinen mit, auch wenn wir das selbst schade finden“, erzählen sie uns. Die beiden haben einen guten Grund. Der Vorbesitzer hat sich immer bemüht, ein gutes Verhältnis mit den Einwohnern des nahe gelegenen Dorfes zu haben und hat alle immer hinten auf seinem Pick-up in die Stadt und wieder zurück mitgenommen. Bei einer Fahrt passierte es allerdings, dass einer der Mitfahrer von der Ladefläche herunterfiel. Er fuhr den Verletzten sofort ins Krankenhaus und bezahlte alle Behandlungskosten. Als der Einheimische wieder gesund war, begann er, Stimmung gegen den Lodgebesitzer zu machen und ging vor Gericht. Offiziell ist es in Malawi verboten, Personen auf einer offenen Ladefläche zu transportieren. Das ganze Dorf war nun gegen den Lodgebesitzer und war dafür, dass dieser für sein Vergehen kräftig zahlen sollte. Alle Vergleichsangebote lehnte der Kläger ab und er bekam Recht: Der Lodgebesitzer musste umgerechnet etwa 50 000 USD bezahlen und war damit ruiniert. Er musste seine Lodge verkaufen und verließ voller Bitterkeit das Land, hatte er sich doch in all den Jahren immer bemüht, mit den Einheimischen ein gutes Verhältnis zu pflegen.
Die jetzigen Besitzer sind vielen Anfeindungen ausgesetzt, weil sie es kategorisch ablehnen, Einheimische auf ihrem Pick-up (es ist der gleiche, mit dem der Unfall passiert ist) mitzunehmen. Die Dorfbewohner schimpfen deshalb auf das junge Paar. Nur der Dorflehrer gibt den jetzigen Lodge-Besitzern Recht und fragt selbst nie nach einer Mitfahrgelegenheit.
Berichte wie diese haben uns in unserer Entscheidung, keine Fremden in unserem Landy mitzunehmen, bestärkt. Deshalb müssen wir wohl oder übel akzeptieren, dass wir Menschenfeinde zu sein scheinen!

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