Nachdem wir nun in Südafrika angekommen sind, ist es an der Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Insgesamt haben wir bisher 19 afrikanische Länder durchquert und etwa 30 000 Kilometer hinter uns. Vieles ist uns auf unserer Reise aufgefallen. Einiges hat auch unsere Einstellungen verändert. Es gab Momente, in denen ich kurz davor war aufzugeben. Die ständige Anpassung an unbekannte Kulturen und Erwartungen hat mir sehr zu schaffen gemacht. Normalerweise genieße ich es, auch Momente alleine für mich zu sein: Hier bin ich, sobald ich irgendwo anhalte, Mittelpunkt des Interesses. Sei es, dass die Einwohner wenig Kontakt mit Fremden haben, sei es, weil sie sich Geld und Geschenke erwarten. Nur selten haben wir es erlebt, im deutschen Sinne „in Ruhe gelassen“ zu werden.
Der ein oder andere mag nun meinen, dass man sich auf all das schon im Vorfeld einstellen muss, wenn man eine solche Reise plant. Allerdings kann ich nun sagen, dass, obwohl mir bewusst war, worauf ich mich einlasse, weil ich schon häufiger in afrikanischen Ländern unterwegs war, ich irgendwann nicht mehr konnte, weil das wochenlange Reisen müde macht. Sechs Wochen in den Sommerferien zu reisen ist etwas völlig anderes, als ein Jahr unterwegs zu sein.

Unsere Art zu reisen unterscheidet sich von den Reisen anderer Reisender, denn so individuell wie Menschen können auch Reisen sein. Bei Pauschalreisen merkt man das weniger als hier in Afrika: Alle Traveller, die wie wir eine Afrikaumrundung (oder eine Teilumrundung) machen, sind anders, reisen unterschiedlich und erleben teilweise in den gleichen Städten, an den gleichen Orten und sogar mit den gleichen Menschen andere Dinge als andere Reisende. Bei unserer Reise stehen weniger Touriattraktionen (von denen es in Westafrika sowieso nur sehr wenige gibt) im Vordergrund, als vielmehr die Menschen, denen wir begegnen. Dabei ist es uns wichtig, auf der einen Seite Einheimische (reiche und arme) kennenzulernen und auf der anderen Seite auch Kontakt zu westlichen Auswanderern und Expats zu bekommen. So hören wir unterschiedliche Geschichten aus unterschiedlicher Perspektive zum gleichen Land.

Da wir auch viele Stunden im Auto sitzen und durch die Gegend fahren, kommen zu unseren Gesprächen über die Menschen, die wir getroffen haben und das, was sie uns erzählt haben, unsere Beobachtungen von Situationen oder Schildern, Menschen am Straßenrand, … über die wir uns genauso unterhalten und versuchen, uns Dinge zusammenzureimen. Manches können wir mit anschließender Internetrecherche bestätigen, anderes hören wir von anderen Travellern oder Leuten vor Ort – manche Gedanken schweben aber gewissermaßen zwischen Loyal und mir. Sie sind (von einer „offiziellen“ Seite) nicht bestätigt, mögen manchen als absurd erscheinen und doch festigen sich diese Gedanken, je länger wir auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs sind. Ein paar dieser Gedanken möchte ich hier aufschreiben:

1. Straßenbau in West- und Zentralafrika:
Überall werden Straßen gebaut, mit nur wenigen Ausnahmen. In Ghana beispielsweise existiert schon eine (mautpflichtige) Küstenstraße, deshalb haben wir dort keinen Straßenbau erlebt. In allen Ländern, in denen wir Straßenbau beobachten konnten (manchmal kann kaum von „Beobachtung“ die Rede sein, weil der Staub so stark war, dass man keine drei Meter weit blicken konnte ;-), sahen wir Chinesen bei der Arbeit. Sei es, dass die Chinesen jeweils zehn Einheimische beaufsichtigten und regelrecht zur Arbeit antrieben (in Kamerun wurden Straßen nur mit der Axt und Manneskraft, ohne Zuhilfenahme von Maschinen gebaut), sei es, dass die Chinesen selbst die LKWs und Straßenbaumaschinen steuerten. Wir sahen keine einzige Baustelle, die nicht von Chinesen beaufsichtigt und geführt wurde. Loyal entdeckte gar in mehreren Ländern eine chinesische Baufirma, die in China selbst verboten ist, seit von ihr eine fehlerhafte Brücke konstruiert wurde, die einstürzte und mehrere Menschen mit in den Tod riss. Hier in Afrika kann diese Firma weiter agieren. Es stellt sich die Frage: Was haben die Chinesen in Afrika vor? Sie werden diese ganzen Straßen sicherlich nicht umsonst bauen. Warum baut eigentlich in keinem einzigen Land die Regierung die Straßen selbst? Warum gibt es keine einheimischen Bauunternehmen? Was die Finanzierung der Straßen angeht, war in einigen Fällen auch die Europäische Union beteiligt – interessanterweise auf Strecken abseits der Hauptstraßen, zu kleinen Dörfern. Vielleicht werden diese Straßen von 1-2 Autos pro Monat genutzt….

2. Die afrikanische Eifersucht:
Ich habe schon ein paar Mal von ihr berichtet, hier aber noch einmal eine kleine Zusammenfassung: Teil der vielen afrikanischen Kulturen ist die afrikanische Eifersucht, die nicht wir so nennen, sondern die genau so von allen Einheimischen in allen Ländern so genannt wird. Soviel auch vorneweg: Es handelt sich um ein afrikanisches Phänomen, das nicht auf einzelne Länder oder den sozialen Stand beschränkt ist. Ein Afrikaner (ich glaube, es war im Senegal) hat es an einem Beispiel (mit Deutschen 😉 gut erklärt. Wenn wir unseren Nachbarn sehen, der einen Mercedes fährt, dann wollen wir wahrscheinlich auch einen Mercedes haben (jeder Deutsche will das, oder?) und das führt dazu, dass wir unsere ganze Energie aufwenden, um genug Geld sparen zu können, um auch endlich einen Mercedes vor der Haustür zu haben. In Afrika läuft das genau anders herum: Wenn der Nachbar das Auto sieht, wird er seine gesamte Energie aufwenden, um zu erreichen, dass der andere das Auto verliert. Aufs Große erweitert: Entwicklung und Fortschritt läuft bei uns deshalb so gut, weil jeder immer versucht, besser als andere zu sein, schneller etwas Neues zu entwickeln, schnellere Autos zu schaffen, … In Afrika nicht, denn Entwicklung und Fortschritt wird genau dadurch verhindert, dass alle immer nur versuchen, sich gegenseitig klein zu halten. Das Beispiel zweier Hotels, die neben unserem Campingplatz nicht gebaut wurden, verdeutlicht das ganze noch mehr: Wir sahen zwei große Gelände: Auf einem stand gar nichts, auf dem anderen nur die Mauern eines großen Gebäudes. Wir erfahren die Geschichte von einem Anwohner: Zwei Männer wollten zwei Hotels bauen, aber der eine war schneller und hatte schnell die Mauern seines Hotels fertig. Anstatt dass der andere sich darum bemühte, selbst noch schneller zu bauen und danach ein tolles Hotel mit tollem Service zu eröffnen, steckte er seine ganze Energie in die Bemühungen, den anderen aufzuhalten. Er zeigte ihn an, führte mehrere Prozesse, ging zum „magic-man“ (schwarze Magie spielt in Afrika eine große Rolle). Das Ende vom Lied ist, dass es ihm gelungen ist, den anderen aufzuhalten. Gleichzeitig hat er aber auch sein ganzes eigenes Geld in diese Prozesse investiert und hat nun keinen Cent mehr, um selbst ein Hotel zu bauen. Seit vielen Jahren wuchert also das Unkraut über beiden Baustellen.
Diese Eifersucht kann extreme (persönliche) Ausmaße annehmen, wie bei Rodolphe, der Angst hat, dass seine eigene Familie und enge Freunde seinen Sohn vergiften könnten, weil sie eifersüchtig auf das gute Verhältnis zwischen den beiden sind. Dabei könnten sie Rodolphe einfach als Vorbild nehmen und selbst ihre Kinder ohne Schläge erziehen. Aber das ist unsere westliche Denkweise.
Wenn man nun weiterdenkt, erklärt dieser Teil der afrikanischen Eifersucht vielleicht auch, warum Entwicklungshilfe oft nur so wenig nachhaltig ist. Wieso sich die afrikanischen Länder nur so langsam entwickeln. Wieso viele Menschen so „arm“ sind und „Hunger leiden“, obwohl das Land, auf dem sie leben, äußerst fruchtbar ist. Afrika ist nicht überall so trocken und wüstenartig, wie wir das in Europa oft denken.

3. Die afrikanische „Sozialversicherung“:
Ich weiß nicht, ob es einen Begriff dafür gibt, aber ich meine Folgendes: Wenn einer in der Familie es zu etwas gebracht hat (Geld, hoher Posten, …) stehen alle Freunde und Familienmitglieder bei dieser Person Schlange. Auf den ersten Blick erscheint das positiv, weil man sich so gegenseitig unterstützt. Wir haben allerdings häufig das Gefühl gehabt, dass sich alle anderen auf Kosten des einen ausruhen. Dass es die Faulheit vieler Menschen hier nur fördert. Vielen reicht es, ein „reiches“ Familienmitglied in Europa zu wissen, das regelmäßig Geld schickt – und schon bemühen sie sich nicht mehr darum, einen Job zu finden oder ansonsten etwas zu arbeiten. Wenn man alt und krank ist, ist es natürlich gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich um einen kümmern werden. Sehr häufig sind die Menschen, die die Hand aufhalten, allerdings jung und gesund und könnten arbeiten. Wer jetzt sagen mag: „Aber es gibt keine Jobs“, dem sei gesagt: In Westafrika gibt es Regionen, in denen man (fast) alles anbauen kann, wenngleich Landwirtschaft ein harter Job ist. Trotzdem ist es besser, etwas anzubauen, als zu hungern – denken zumindest wir.
Zurück zum Thema: Gekoppelt mit der afrikanischen Eifersucht ist es fast unmöglich für einzelne voranzukommen. Sie müssen sich nicht nur den negativen Kräften erwehren, sondern auch alles teilen, was sie verdienen. Das verringert sicherlich die Motivation, denn wer will schon hart arbeiten ohne weiterzukommen?
Ich hatte in einem Dorf, in dem es wieder einmal kein Wasser gab und die Leute täglich mehrere Kilometer zum Fluss laufen müssen, die Idee, dass man einfach ein Regenwasserfass aufstellen könnte, da es (auch in dieser Nacht) richtig viel in der Region regnet. Dann hätte man immer Wasser und müsste das nicht mehr von weit her tragen. Loyal bremste meinen Enthusiasmus. Er sagt: Wenn eine Familie ein Fass hat, wird das nicht dazu führen, dass die anderen auch eines aufstellen. Sie werden vielmehr denken: „Wieso brauche ich eines, ich kann doch auch beim Nachbarn Wasser holen.“ Somit wäre das Fass morgens schon leer, weil sich alle Nachbarn bedienen würden. So ähnliche Geschichten hörten wir übrigens von NGO-Mitarbeitern. Ein Beispiel: Das Korn reicht nicht fürs ganze Jahr. Vorschlag: Baut 20% mehr Korn an. Ein paar Bauern, nicht alle, machen das, weil es ja auch 20% mehr Invest und Arbeit kostet. Aber: Diese Bauern haben hinterher gar nicht mehr von ihrem Invest, weil den anderen ja wie immer das Korn ausgeht und sie dann bettelnd vor den Türen der anderen stehen. Folge: Im nächsten Jahr bauen die auch nicht mehr an als die anderen. Momentan wird viel von diesem „Hunger“ noch von NGOs aufgefangen, weil die Leute bei uns ja oft denken: „Oh, die armen Afrikaner, die sind so arm und haben Hunger“ und fleißig spenden. Dabei ist das Land so fruchtbar, dass man mit einer gezielten und fleißigen Anbauweise nicht nur den eigenen Hunger stillen, sondern auch mit dem Verkauf noch großen Gewinn machen könnte.
Die Frage, die wir uns stellen ist: Könnte man sagen, dass durch diese sehr prägenden afrikanischen Kultureigenschaften (afrikanische Eifersucht und afrikanische „Sozialversicherung“) das Negative des Kommunismus (also ein egoistischer Kommunismus) und das Negative des Kapitalismus zusammenkommen und so die afrikanischen Länder stark in ihrer Entwicklung bremsen? Eine These, die wir auf unseren vielen Autofahrten heiß diskutieren. Was denkt ihr?

4.) Religionen in Westafrika
Im speziellen möchte ich mich auf christliche und muslimische Religionsgemeinschaften beschränken, weil ich von den Naturreligionen zu wenig mitbekommen habe. Obwohl ich mich immer bemühe, möglichst vorurteilsfrei durchs Leben zu kommen, bin ich natürlich nicht davor gefeit, durch viele Vorurteile geprägt zu sein. So viel ich auch über den Islam gehört und gelesen habe, war ich immer der Meinung, dass Frauen im Islam einen „tieferen Stand als Männer“ haben. Deshalb war es immer wieder eine Überraschung für mich, wie offen mir die Muslime begegnet sind und wie viel Gastfreundschaft sie uns entgegengebracht haben. Nicht nur, dass sie, sobald wir ankamen, den für uns zugedachten Platz gefegt und sauber gemacht haben, gleichzeitig haben sie auch Wasser herbeigeschleppt und uns etwas zu trinken angeboten. In den muslimischen Ländern sind wir auffallend weniger angebettelt worden. Wenn die Hand aufgehalten oder nach Geld gefragt wurde, kam das immer von Kindern. Von den Erwachsenen wurden wir mit offenen Armen empfangen und häufig sogar beschenkt. „Das steht so im Koran, dass man Gäste gut behandeln und beschenken soll“, bekamen wir überall zu hören, wenn wir uns den vielen Angeboten erwehren wollten. Bei allen wurde uns sogar das eigene Schlafzimmer zur Übernachtung angeboten.
Ganz anders bei den Christen: Eigentlich freute ich mich sehr darauf, wieder in christlichere Gegenden zu kommen, erwartete ich mir davon doch ein „leichteres“ Reisen (beispielsweise was die Kleiderordnung angeht). Allerdings war all dies letztendlich eine große Enttäuschung. Schnell waren wir von all den bettelnden Menschen genervt, die überall am Straßenrand, anstatt zu winken, die Hand aufhielten. Kinder liefen oft hinter unserem Auto her und wollten Geld. Die Gastfreundschaft der Menschen war auffallend zurückhaltender. Wir wurden nur sehr selten nach unseren Namen, dafür aber nach Gegenständen aus unserem Auto gefragt. Wasser haben wir nur in drei Fällen angeboten bekommen. Wobei ich zugeben muss, dass die Menschen selbst sich nicht so häufig waschen wie die Muslime: Die typische „Waschhütte“ wie in den muslimischen Haushalten üblich, gab es neben den Hütten nicht. Vielmehr wuschen sich die Menschen direkt im Fluss, was bei den Muslimen schon aus moralischen Gründen (man zieht sich ungern vor anderen aus!) nicht möglich ist. Von (Expat-) Pfarrern erlebten wir es immer wieder, dass sie eine aus unserer Sicht „verklärte“ Einstellung zu den Menschen hatten und wirklich häufig aus dem Autofenster Geld oder Essen herausreichten, was in unseren Augen die Bettelei der Menschen noch mehr verstärkte und ihre Würde weiter untergrub. Die einheimischen Pfarrer lebten (soweit wir das beurteilen konnten) ein gutes Leben: Egal wie arm die Gemeindemitglieder waren, sie selbst erhielten vom gespendeten Geld große Häuser, schicke Autos und andere Statussymbole. In unseren (westlichen) Augen hat das wenig mit Nächstenliebe zu tun, in den Augen der Afrikaner war das völlig normal. Im Gegenteil: Je mehr der Pfarre hatte, umso besser fühlten sich die Gemeindemitglieder, weil das ja bewies, dass sie viel gespendet hatten. Somit hatten sie täglich vor Augen, wie „rein“ ihre eigenen Seelen waren. „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ – bei uns veraltet, hier allgegenwärtig: Es gibt viele Kirchen/Gemeinden, in denen laut im Gottesdienst angekündigt wird, wieviel jeder spendet! Obwohl ich mich selbst als Christin fühle, war ich mit den Erlebnissen mit den Christen hier eher enttäuscht!

5.) Natürliche Grenzen?
Häufig wird als ein großes Problem in Afrika die Kolonialzeit genannt, da zu dieser Zeit (unter anderem) Grenzen mit dem Lineal gezogen und Stämme und Familien so auf unnatürliche Art und Weise getrennt wurden. Aus diesem Grund sind wir bei allen Grenzübergängen in West- und Zentralafrika verwundert, dass sich die Landschaft abrupt nach der Grenze ändert. Meistens sieht es völlig anders aus als vorher. Ich meine damit nicht kulturelle Dinge wir Hausbau, … , sondern die Landschaft selbst, oft sogar das Klima, das abrupt wechselt. Häufig sind die Länder auch durch natürliche Umstände wie einen Fluss getrennt. Zu unserem Leidwesen, denn wir müssen immer die horrenden Preise für die Fähren bezahlen.
Es stimmt, dass die lokale Sprache häufig die gleiche ist auf beiden Seiten der Grenze. Vergleichbar ist das mit der deutsch-schweizerischen Grenze: Auf beiden Seiten des Bodensees spricht man eine ähnliche Sprache, doch wenn man über die Grenze fährt, ändert sich das Klima und auch die Vegetation. So ist das hier in Westafrika. Wir sehen übrigens keinen langsamen Übergang, sondern nach dem „Niemandsland“ ist die Landschaft im nächsten Land völlig anders.

6.) Prioritäten:
Die Prioritäten der Menschen hier liegen anders als bei uns: Kommunikation hat einen ganz anderen Stellenwert. Hier in Südafrika ist es beispielsweise spannend zu sehen, dass in den „weißen Gegenden“ die Straßen sauber, aber auch alle Türen geschlossen und die Häuser von hohen Mauern umgeben sind. In den „schwarzen Gebieten“ sind dagegen viel mehr Menschen auf der Straße, ist einfach mehr Leben.
So sehr es uns manchmal auf die Nerven ging, ständig alle mit „Salut, ca va?“ zu begrüßen, so sehr ist es doch auch Teil der Kultur hier und gehört dazu. Häufig waren wir verwundert, aus unserer Sicht „bettelarme“ Menschen ohne Kleidung und Schuhe, teilweise mit Hungerbäuchen zu sehen, die dann allerdings mehrere nagelneue!!! Handys aus der Tasche ziehen und durch die Gegend telefonieren, um „Salut, ca va?“ zu sagen. Auf der einen Seite ist Status hier sehr wichtig (deshalb die neuen Handys – aber das ist wieder ein neues Thema), auf der anderen Seite ist auch das Telefonieren überlebensnotwendig. Wieso soll das Telefonieren überlebensnotwendig sein? Das konnten wir anfangs gar nicht verstehen. Sani, unser Freund aus dem Niger, der eine Zeit lang mit uns reiste, erklärte es uns: „Wenn ich Essen kaufe, kann ich nur essen. Wenn ich credit kaufe, kann ich andere anrufen und gleichzeitig nach Essen fragen. Außerdem bleibe ich dann mit vielen Leuten in Kontakt, die mir dann vielleicht mal helfen, wenn ich Hilfe brauche!“ Wenn Sani sich zwischen Mittagessen und credit fürs Handy entscheiden muss, fällt seine Wahl immer auf das neue Handyguthaben. Hier in Afrika bieten die Handyprovider übrigens auch an, Geld per Handy zu verschicken. Das heißt, es wird sehr häufig Geld von einem zum nächsten gesendet, ohne dass eine Bank oder ein Unternehmen wie Western Union beteiligt ist. So können auch Menschen in einem kleinen Dorf neues Handyguthaben oder Geld bekommen. Uns ist aufgefallen, dass man in den westafrikanischen Ländern so gut wie überall Handyempfang hat und überall Masten aufgestellt sind. Die Handywerbung ist dort im Alltag am Auffälligsten. Hier in Südafrika ist auch das wieder spannend: Während uns in Kapstadt und Port Elizabeth und an der „Garden Route“ im Allgemeinen nur wenig Handywerbung ins Auge gesprungen ist (vielleicht gab es sie, aber sie ist uns nicht so aufgefallen, weil auch für viele andere Produkte geworben wird), so sahen wir in KwaZulu Natal, den ehemaligen „Homelands“, also von schwarzer Bevölkerung geprägten Gebieten überall riesige Plakate von Netzprovidern.
Was für uns auf der einen Seite völlig unverständlich war (Wieso lässt die Mutter ihre Kinder hungern, telefoniert aber ständig in der Gegend herum?), ist also kulturell begründet: Kommunikation ist hier einfach wichtiger als Ernährung. Und: Der Status eines Menschen wird nicht über dessen Ernährung begründet. Deshalb ist es wichtig, ein möglichst gutes Handy und viele eingespeicherte Nummern zu haben. Je mehr Freunde und Bekannte man hat, desto wichtiger ist man. Immer wieder wurden wir von Polizisten an Straßensperren nach unserer Nummer gefragt. Sani tauscht seine Nummer mit Menschen aus, die wir vielleicht 1 Minute am Straßenrand sahen und doch rief man sich kurz danach an, um „Salut, ca va?“ zu fragen! 😉
7.) Was ist Hilfe?
Ein großes Thema auf unserer Reise ist bei uns immer wieder die Frage: Was ist Hilfe? Wie kann man in Afrika überhaupt „helfen“? Was bedeutet es zu helfen? Wir orientieren uns natürlich an dem, was in unserer Kultur Hilfe heißt. Die Frage, die wir uns stellen, ist aber: Ist das auch im afrikanischen Sinne „Hilfe“? Kann es nicht vielmehr so sein, dass diese Hilfe, wie unsere eigene Höflichkeit, bei den Afrikanern gar nicht als solche ankommt? Trotzdem wollen wir, dass sie anschließend „dankbar“ sind, wir haben ihnen doch geholfen. So ähnlich, wie wenn man einer Familie Obst schenkt und ein „Danke“ erwartet, obwohl die Familie gar kein Obst essen will!
Brauchen sie wirklich „unsere“ Hilfe oder nicht? Diese Frage haben wir uns nicht beantworten können. Ich bin nicht sicher, ob es darauf überhaupt eine eindeutige Antwort gibt!

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One Response to Die westafrikanische Küste – eine Bilanz

  1. Michael sagt:

    Hallo Astrid,
    ich habe gleiche oder ähnliche Aussagen von vielen Travelern gehört. Ich selbst war wenig in schwarz Afrika unterwegs. Was mir immer berichtet wurde ist, das uns „weiße“ die Einheimischen für ihre schlechte Lage verantwortlich machen und daher so penetrand betteln. Wie siehst Du das ?
    Gruß aus dem verregneten Gaggenau und gute Fahrt !
    Michael

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