Es ist jetzt Ende Januar, wir haben fast Halbzeit und wieder einmal stelle ich mir die Frage, wie es mir eigentlich so geht. Loyal und ich sind jetzt in Gabun angekommen. Unser „Angstland“ Nigeria liegt hinter uns, eine schwierige Strecke durch die beiden Kongos und Angola steht uns bevor.

Wir sind beide müde. Nicht nur, dass ich viel schlafe. Das habe ich auch vorher schon gemacht. Nein, irgendwie bin ich müde vom Reisen. Ich bräuchte eine Pause. „Komm doch einfach mal zwei Wochen nach Deutschland“, hat mir eine Freundin vorgeschlagen. Das hört sich so einfach, so verlockend an. Ich denke sogar drüber nach. Trotzdem verwerfe ich den Gedanken. Ich bin nicht sicher, ob ich mich danach wieder auf den Weg machen könnte. Ich brauche vor allem Ruhe. Und das, obwohl ich ja eigentlich „Urlaub“ habe. Zumindest muss ich nicht arbeiten.

Das Leben hier ist anstrengend. Unsere Art zu reisen ist anstrengend. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir keine anderen Overlander kennenlernen. Es gibt andere, die genau unsere Route haben. Sie nehmen den gleichen Weg, kommen über die gleichen Grenzen. Und doch bewegen sie sich völlig anders als wir. Sie übernachten abends auf Campingplätzen oder in Hotels, treffen andere „Westler“, können sich austauschen und entspannen. Sie können sich zurückziehen, wenn sie es wollen. Können ihre Ruhe haben.

Loyal und ich, wir kommen nicht auf Campingplätze. Die zwei Übernachtungen in Elmina waren die große Ausnahme. Und prompt haben wir auch Anton und Tina kennengelernt. Unsere Art zu reisen ist eine andere. Wir fahren zu keinen Sehenswürdigkeiten, besichtigen keine Städte oder Museen, fahren (bisher) in keine Nationalparks oder zu Wasserfällen. Wir treffen Menschen. (Er-) Leben mit ihnen ihr „normales“ Alltagsleben. Ein Leben, das für uns völlig anders ist. Sei es, dass wir bei Einheimischen in kleinen Dörfern übernachten, die noch nie zuvor von Weißen Besuch hatten. Sei es, dass wir Freunde und Familien von Freunden hier vor Ort besuchen. Sei es, dass wir Expats treffen, die momentan in Afrika leben. Immer wieder sind es neue Menschen, bei denen wir bleiben. Neue Verhaltensweisen, neue Kulturen, an die wir uns anpassen müssen.

Genau das war und ist es, was ich wollte. Das war und ist mein Ziel auf dieser Reise. Und doch merke ich, dass ich an meine Grenzen gekommen bin. Dass ich nicht mehr kann. Dass es anstrengend ist. Anstrengend zum Beispiel, weil ich wiederholt das Gefühl habe, etwas falsch zu machen, unhöflich zu sein. Meine Art von Höflichkeit, die, die ich in Deutschland und von meiner Familie gelernt habe, muss hier keinesfalls höflich sein. Oft spürt man, dass man etwas falsch macht. Aber es ist schwer herauszufinden, was von einem erwartet wird. Immer wieder kommt es zu Missverständnissen. Wir verlassen einen Ort und wissen nicht, ob die Familie, bei der wir waren, glücklich mit unserem Besuch war. Ob wir etwas anders hätten machen sollen. Dieses Gefühl, ständig ein neues Fauxpas zu begehen, lässt uns beide nicht los.

Dazu kommt das Gefühl, dass unsere Vorstellung von Gerechtigkeit hier eine völlig andere ist. Gerechtigkeit ist ein weiter Begriff – auch bei uns. Doch bei uns gibt es immer Orientierungswerte. Auch als Lehrer hat man sehr oft mit diesem Thema zu kämpfen. Doch es gibt immer etwas, auf das man hinweisen kann, etwas, an dem man sich orientieren kann. Etwas Feststehendes. Etwas Festgeschriebenes. So ist es hier nicht. Immer wieder ist man der Willkür von allen Uniformträgern ausgeliefert. Da gibt es nichts Festgeschriebenes. Manchmal ist es einfach nur das Gefühl der Überlegenheit, das Menschen hier dazu anstachelt, dich klein zu halten. Sei es der Türsteher bei einer Botschaft, der dich nicht bis ins Vorzimmer lässt, wo du ein Visum beantragen kannst. Sei es der Straßenpolizist, der behauptet, du bräuchtest einen einheimischen Fahrzeugschein, weil er den deutschen nicht lesen kann. Das Gefühl zu haben, sich ständig rechtfertigen zu müssen, obwohl man sich auf der richtigen Seite fühlt, ist schrecklich. Immer unterwürfig sein, obwohl man nichts falsch gemacht hat. Man merkt es den Menschen meist schon beim Näherkommen an, wie sie sind. Es reicht hier nicht, alle Papiere zusammen zu haben. Immer kommt es auch auf die Gutmütigkeit und die momentane Laune des Gegenübers an. Recht haben gibt es hier nicht. Ein Umstand, an den ich mich nicht gewöhnen kann und der mich ohnmächtig fühlen lässt.

Ich ertrage es langsam nicht mehr, mich an Grenzübergängen grundlos niedermachen zu lassen. Mich anschreien, beleidigen und schlecht behandeln zu lassen. Ohne Grund. Nur weil ich eben gerade da bin. Und in Westafrika gibt es viele Länder und damit viele Grenzübergänge. Visaanträge und das, was man dafür liefern muss, variieren je nach der Person, die mit dir spricht. Jeden Tag, jede Stunde, teilweise jede Minute. Es gibt hier nichts und niemanden, an den man sich wirklich halten kann.

Wer jetzt denkt: „Naja, in Afrika sind die Beamten halt korrupt, das wussten die beiden doch vorher!“, dem möchte ich sagen: Die Korruption ist nicht das einzige Problem. Hier lässt sich nicht alles mit Geld regeln. Schon gar nicht von Weißen. Es gibt hier viele, die gerade den Weißen zeigen wollen, dass es Dinge gibt, die auch sie nicht bekommen können, selbst wenn sie Geld haben. Bisher haben wir nicht oft Geld abgedrückt. Viel schlimmer sind die ständigen Diskussionen. Ich bin darüber so müde geworden. Ich will nicht mehr diskutieren. Das macht so schlechte Laune, ist einfach anstrengend, verdirbt den Tag.

Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr weiß, ob ich auf diesen Kontinent je zurückkommen will. Ob ich mir das nochmal antun kann und will. Diese ständige Rechtfertigung für meine Hautfarbe. Ich kann eine Zeit lang auf vieles verzichten: Auf abwechslungsreiches Essen, ein Bett oder eine Matratze zum Schlafen, auf meine Freunde, auf Internet und Strom – aber nicht auf respektvollen und verantwortungsbewussten Umgang miteinander. Das fehlt mir hier sehr und das ist es, was mir das Reisen so anstrengend erscheinen lässt.

Das Reisen in unserem Landy ist weiterhin ein großes Abenteuer und macht Spaß. Überhaupt ist die Art des Reisens mit dem eigenen Auto für mich sehr neu, gefällt mir aber sehr gut. Dann anhalten, wenn es uns gerade gefällt. Dort bleiben, wo es schön ist – das ist einfach super.

Ich genieße es, langsam aber sicher mein Zeitgefühl zu verlieren. Nicht nur, dass ich nur noch sehr selten weiß, welcher Wochentag ist. Seit dem 23. Dezember ist meine Uhr stehengeblieben und nun orientiere ich mich, was die Tageszeit betrifft, am Stand der Sonne. Wenn die Sonne langsam untergeht, ist es Zeit, einen Schlafplatz zu suchen. Wenn die Sonne aufgeht, sollte ich aufwachen (das klappt leider noch nicht ganz so 😉

Zu zweit zu reisen gefällt mir sehr gut. Mit seinem Partner von morgens bis abends zusammen zu sein, ist eine große Chance. Wir haben so viel Zeit zu reden. Und wir nutzen die Zeit – es wird nie langweilig. Wenn Ehe immer so ist, dann freue ich mich, endlich verheiratet zu sein! 😉

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One Response to Wie es mir so geht

  1. wini sagt:

    kann dich gut verstehen , bin seit 35 Jahren in 45 Länder unterwegs und immer noch dabei…
    take it easy…

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